pentagramm..... Vernissage am 21.11.2009
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Eröffnung der Ausstellung Karen Shahverdyan:
„pentagramm...“ – Malerei, in der Galerie „G“
Heidelberg, 21.11.09
“How does it feel to be one of the beautiful people?” Ausgerechnet ein Mitglied der notorisch brotlosen Zunft, ein Künstler, meine sehr verehrten Damen und Herren, scheint besonders gut Bescheid zu wissen. Karen Shahverdyan malt die Reichen und Arrivierten und Berühmten, wie sie in Designer-Kostüm und schwarzem Dreiteiler oder Smoking für die Kameras posieren, wie sie, Stars auf Sternen, über den roten Teppich laufen, als wäre es der Walk of Fame entlang des Hollywood Boulevard in L.A. Allein die Tatsache, daß der Maler die Gesichter oberhalb der Strahlemünder abschneidet, läßt uns weiter rätseln, ob es sich bei der Dame mit den langen Beinen, der da bewundernd nachgestarrt wird, tat-sächlich um Claudia Schiffer handelt, und bei der Dame mit dem üppigen Gürtelschmuck und der gleich doppelten Männereskorte um Mariah Carey. „Baby, you’re a rich man, baby, you’re a rich man, baby, you’re a rich man too“, trösteten die Beatles im gleichnami-gen Lied einst ihr Publikum. Und wir trösten uns damit, daß die Welt der beautiful people nur eine von vielen Welten ist. Woran uns Karen Shahverdyan erinnert mittels der Vielfalt der von ihm auf Leinwand festgehaltenen Themen. Da ist ein wie hingegossen liegender Frauenakt in der fernen Nachfolge eines
Giorgione oder Tizian. Da ist ein Granatapfel-stilleben. Da ist eine seltsam irreale Versammlung von Klerikern. Da ist ein etwas exhibi-tionistisches Motiv, changierend zwischen Verhüllen und Entblößen. Da ist, als motivi-scher Querschläger vielleicht am unerwartetsten, eine Begegnung Torero und Stier. Da sind, last but not least, die kleineren Formate, wo die Leinwand nicht nur die Spuren von Farbe und Pinsel trägt, sondern auch die von Messer und Strick. Läuft die Ausstellung also in alle Richtungen auseinander? Mitnichten. Es gibt mehr als genug Verbindendes. Sämtliche größeren Formate sind ausgeführt in dem minuziösen Detailrealismus und der akribischen Schichtenmalerei – mit Acryl grundiert, mit Öl aus-formuliert –, welche der armenischstämmige Künstler an den Akademien von Eriwan und Tiflis erlernt hat und sozusagen im Gepäck mit sich brachte, als er vor zehn Jahren in Deutschland ankam. Nicht von ungefähr werden seine Gemälde regelmäßig erst mal ver-wechselt mit Fotografien. Und auch wer seine Malweise eigentlich kennt, vermag aus der Entfernung kaum zu unterscheiden, ob die Schlitze und Vernähungen, die demonstrativ nach vorne gekehrten Keilrahmen und Aufhängevorrichtungen jetzt real sind oder fingiert. Shahverdyan ist ein Meister der Illusion. Doch darauf beschränkt sich seine Kunst nicht; sie wäre sonst ja nur Aneinanderreihung von Kunststücken. Hinter den Bildern steckt als durchlaufendes Konzept die Aufforderung, Wirklichkeit als etwas Vielfacettiertes und Hintergründiges wahrzunehmen, nachzugrübeln grundsätzlich über das Verhältnis von Illusion und Wirklichkeit, Überlieferung und Gegenwart, Diesseits und Jenseits. Die Stammgäste der Galerie „G“ werden sich erinnern an Shahverdyan als Urheber melan-cholisch-meditativer Landschaften, deren Stille unterbrochen wird nur vom imaginierten Rrratsch der zerrissenen Leinwand, was es dem Künstler erlaubt, auf übereinanderliegen-den Bildstreifen zwei unterschiedliche Szenerien zu zeigen bzw. zwei unterschiedliche Aspekte der gleichen Szenerie. Alles eine Frage des Standpunkts. War die letzte Ausstel-lung noch getaucht in distanzierte, kühle Blau- und Grautöne, so dominiert heute unmiß-verständlich das Rot, in Kontrast gesetzt zu Schwarz, Weiß und Gelb. Auch emotional hat diese Auswahl somit einen ganz anderen Grundklang: vitaler, aufgewühlter, verführeri-scher, bedrohlicher.
Doch die genannten Gemeinsamkeiten werden gleichsam überwölbt von einem Leitmotiv. Der fünfzackige Stern ist es, der aufgeht mal an den auffälligsten Stellen der Bilder, mal an Stellen, die dem oberflächlichen Blick leicht ausweichen. Er prangt auf dem Tuch, in das der Torero den rasenden Stier lockt. Als dunkles Tattoo hebt er sich ab vom hellen Fleisch auf dem Oberschenkel oder der Hüfte weiblicher Schönheit.
Wir entziffern ihn auf einem Siegelring, in der Brillianten-Konstellation einer Gürtelschließe. In bildbeherrschender Prägnanz erstrahlt er rot auf Leinwänden, mit einer Kraft, die jede andere Figur in ihre Schranken weist und keinen Hehl daraus macht, daß sie bloße Leinwand sowohl zu zerfet-zen als auch rigoros zusammenzuhalten vermag. Dann wieder müssen wir den Fünfzack-stern regelrecht suchen und entdecken ihn winzig in einer Handfläche, die, offenbar an das Blitzlichtgewitter der Öffentlichkeit gewöhnt, erhoben ist zu lässigem Gruß. Und selbst wo der Stern es verschmäht, in eigener Gestalt aufzutauchen, wird er präsent über das numeri-sche Prinzip: fünf aufgebrochene Granatäpfel verströmen ihren Saft; fünf Kardinäle veran-stalten einen Konvent, auf dem sie sich, wie es scheint, vertreten lassen von ihren amtser-fahrenen Gewändern.
Diesen Trick habe ich noch nicht aus. Weswegen ich, meine Damen und Herren, heute abend persönlich in meinem Sakko stecke wie auch in der Zwangslage, Ihnen plausible Spekulationen zu unterbreiten, was es mit der nachhaltigen Anwesenheit des Pentagramms in Karen Shahverdyans jüngerem Schaffen auf sich haben könnte. Denn „Pentagramm“ – von griech.: pente = fünf, lautet die exakte Bezeichnung der fünffach
gezackten Form. Es muß sich da um eine nicht nur einprägsame, sondern auch glückliche im Sinne von aus-balancierte Form handeln, da wir ihr im Alltag begegnen im Markenzeichen unzähliger Produkte. Und Unzähligkeit liegt offenbar von vornherein in ihrer Natur – sie multipliziert sich selber gern. Man denke nur einmal an die Nationalflaggen. 50 Pentagramme, weiß auf blauem Grund, allein in der Flagge der USA. Wenn über Nacht alle Sterne aus allen Flag-gen der Welt abregnen würden, wäre das ein Schauspiel, grandioser als die Meteoriten-schauer, die wir alljährlich Anfang August erleben! Was hat das Pentagramm an sich, daß es die Menschen so lange schon fasziniert? Analogien zu bestimmten Formen der Natur drängen sich auf: zum Seestern, zum Aufbau unserer fünffingrigen Hand, aber auch zum Fünferprinzip der Heckenrose, mancher Spinnennetze, des Querschnitts durch einen Apfel. Ja, im Pentagramm steckt die ganze Frontalfigur des Menschen angelegt, wie es nicht zuletzt Leonardos berühmtes Schema des Vitruvianischen Menschen demonstriert, um-schlossen vom Kreis, der das Pentagramm zum sog. „Pentakel“ macht.
Schon den frühen Völkern war das Pentagramm bewußt als der Stern, der sich in einem Zug durchzeichnen läßt, so daß man zum Schluß wieder beim Anfangspunkt ist. Trotz sei-ner spitzen Ecken konnte er so für den Kreislauf des Lebens stehen. Doch darin erschöpft sich seine symbolische Aufladung bei weitem noch nicht. In der Antike sah man in ihm eine Versinnbildlichung der fünf Elemente Feuer, Erde, Wasser, Luft und Äther oder, wechselweise, unserer fünf Sinne Tasten, Riechen, Sehen, Hören, Schmecken; im mittel-alterlichen Christentum diente er als Erinnerung an die fünf Wundmale Christi. Daher dürfte auch seine Funktion als Zauberzeichen rühren – nämlich zur Dämonenabwehr, pla-ziert im magischen Kreis, den der Beschwörer auf den Boden zeichnet. In der Studierzim-mer-Szene im „Faust“ wird das offenbar, wenn Mephistopheles eingesteht, daß er sich nicht frei bewegen kann. Faust: „Das Pentagramma macht dir Pein?/Ei, sage mir, du Sohn der Hölle,/Wenn das dich bannt, wie kamst du denn herein?/Wie ward ein solcher Geist betrogen?“ Darauf Mephisto: „Beschaut es recht!, es ist nicht gut gezogen;/Der eine Win-kel,
der nach außen zu,/Ist, wie du siehst, ein wenig offen.“
Also bitte nicht schlampern, meine Damen und Herren, wenn Sie demnächst im Partykeller ihren magischen Kreis ziehen! Meine Ermahnung ist nicht so weit beigeholt, wie es klein-gen mag. Im Zuge all der Bücher und Filme, die sich mit weißer und schwarzer Magie be-fassen, zuletzt selbstverständlich auch der um kirchliche Intrigen und Mysterien kreisenden Dan-Brown-Erfolge, feiert das Pentagramm fröhliche Urständ. Und hat eine bestimmte Popularisierung erfahren. Bis hin zum modischen Anhänger in Schmuck-Boutiquen. Und zwar sowohl in seiner stabilen Variante, wo der Stern auf zwei Zacken ruht, als auch in seiner labilen Variante, wo er auf nur einem balanciert – dies wäre denn die schwarzmagi-sche Abart, in die man einen Bockskopf mit Hörnen hineinprojizieren kann. Wenn wir uns in der Ausstellung umschauen, registrieren wir auf den ersten Blick nur stabile Pentagram-me. Doch wo Shahverdyan den Pinsel gegen das Seil eintauscht und den Schritt vom Ta-felbild zum Objektbild tut, kann ein stabiles Pentagramm sein labiles Pendant umschlie-ßen. Oder es ist selber umspannt mit der Pentagon-Form, dem gleichseitigen Fünfeck, das es kleiner nochmals enthält.
Starker symbolistischer Tobak! Verrät er uns, daß unser Künstler dabei ist, abzudriften in esoterische Sphären? Ich kann Sie beruhigen: wir haben keinen Teufelsanbeter unter uns. Umgetrieben hat ihn seine Pentagramm-Serie in den letzten Wochen und Monaten freilich mit dämonischer Macht. Er berichtet: „Auch wenn ich die Ateliertür hinter mir zumachte, habe ich unaufhörlich weitergearbeitet. So muß es sein, wenn man auf Drogen ist. Tag und Nacht waren in eins verwischt. Ich lag im Bett da, und die Gedanken sausten um meinen Kopf wie die Planeten um die Sonne.“ Oha! Jetzt begreift man vielleicht, wieso die Serie zurückreicht bis ins Jahr 2006, ohne daß damals ein einziger Pinselstrich getan gewesen wäre. Hier bereitete sich Großes vor. Ganz abgesehen davon, daß auch die fertiggestellten Bilder zeitaufwendige Übermalungen und Veränderungen erfuhren, die man nur mit dem Röntgenapparat überprüfen könnte. Nach meinem Gespräch mit Shahverdyan vor drei Wochen habe ich erst mal zuhause meine Armenien-Literatur durchforstet, ob seine Besessen-heit aus der alten Heimat rührt. Ja, ich bin auf das Pentagramm als gelegentlichen Relief-schmuck auf armenischen Kirchenfassaden gestoßen, doch nicht übermäßig prominent. Und ich weiß, daß im fünfzackigen, zumal noch roten Stern sich auch nicht einfach die Tatsache seines Aufwachsens als Bürger des sowjetischen Reiches spiegelt. Schade, daß wir nicht mehr die beiden Leinwände hier haben, wo der Rote Platz in Moskau besetzt ist von einem übergroßen, perspektivisch verzerrten Pentagramm. Nein, nicht schade, ein Glück! Petra Kern konnte beide auf der Düsseldorfer Kunstmesse im Frühjahr schwuppdi-wupp an den Mann bringen. Sie hätten zweifelsfrei geklärt, daß Shahverdyans Verhältnis zur sowjetischen Geschichte statt von Nostalgie charakterisiert ist von tiefer, um nicht zu sagen abgründiger Skepsis.
Mit „abgründig“ hätten wir, glaube ich, ein geeignetes Stichwort, um uns Shahverdyans Pentagramm-Auffassung zu nähern, auch wenn am Ende dabei mehr Ahnen als Wissen zu-sammenkommt. Bei den beiden verkauften Bildern vermutete ich noch, ihr Urheber grübe-le darüber nach, wie es kommen kann, daß Lenins auf Emblemsuche befindliche revolutio-när-politische Bewegung am Anfang des 20.Jahrhunderts ausgerechnet auf ein uralt-okkul-tes Symbol verfiel. Und ob die Geschichte nicht insgesamt gelenkt wird von Kräften, die dem Zeitgenossen weitgehend undurch sichtig bleiben, auch wenn er es ist, der dafür bluten darf. Der Rote Platz also, statt rational vermessener Bezirk, ein schwindelnder Abgrund. Übertragen auf die neuen Bilder, wie liest sich da die Shahverdyan’sche Geschichtsphilo-sophie? Sind wir samt dem Rest der „beautiful people“ angelangt im Paradies überschäu-menden Glamours und sorgenfreien Konsums? Nun, man tut, als liefe man übers rote Pentagramm so gedankenlos wie über jedes andere Teppichmuster auch. Aber bei näherer Betrachtung zeigt es sich allgegenwärtig, auch wenn es Metamorphosen durchläuft, es wird getragen auf teurem Stoff ebenso wie auf nackter Haut. Man zeigt es sich gegenseitig so diskret wie das Erkennungszeichen einer Geheimgesellschaft. Ja, es mag sein, daß sich unter seinem Stern längst die nächste Revolution vorbereitet – diesmal aus entgegengesetzter Richtung. Den Segen der Kirche hat sie schon. Sie mögen, meine Damen und Herren, sich fragen, ob es angebracht ist, daß ein Maler sich in solch spekulative Gefilde vorwagt, die doch eher Domäne der Autoren von Polit-Mystery-Thrillern sind. Ich frage dagegen: wer sonst als die Kunst verfügt über die Vision, das Ungeheuerliche zu veranschaulichen? Ohne, wohlgemerkt, den Betrachter auf eine einzige Deutung festzunageln.
Im Grunde scheint mir Karen Shahverdyan mit der Pentagramm-Serie seine ureigene Antwort zu entwickeln auf das Faust’sche Begehren, „daß ich erkenne, was die Welt im Innersten zusammenhält“. Daß die Bilder mit ihrem Trommelfeuer von Gedankenanstößen nebenbei auch eine einzige Augenlust sind, sollten wir nicht gegen sie halten.
© Dr.Roland Held, Darmstadt 2009
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